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Die Fliege an der Wand

Veröffentlicht am Montag, 11. Mai 2009, 7:25 | Kein Kommentar

Wenn mit Big Brother wirklich der grosse Bruder gemeint wird, hat sich unsere Medienlandschaft ein bisschen hin zum Guten entwickelt. (Quelle: siehe Bildnachweis)

Wenn mit Big Brother wirklich der grosse Bruder gemeint wird, hat sich unsere Medienlandschaft ein bisschen hin zum Guten entwickelt. (Quelle: siehe Bildnachweis)

Wenn man heute ein wenig durch die Fernsehlandschaft zappt, kommt man nicht um die Castingshows herum. Diese Veranstaltungen, in welchen Durchschnittsmenschen die Chance ihres Lebens wittern, um aller Welt zu zeigen, dass sie doch besser sind, als erwartet – nur um im besten Fall mit dem Erfolg, wenigstens zwei Minuten im Fernsehen gewesen zu sein, wieder in der Versenkung zu verschwinden, gehören rund um die Welt einfach ins Programm. Es scheint, als müsste der moderne Mensch die Erniedrigung anderer erleben, um sich selber gut zu fühlen, denn leider heissen nur die allerwenigsten Paul Potts oder Susan Boyle.

Und obwohl es eigentlich nichts blöderes gibt, als zuzuschauen, wie Menschen von Dieter Bohlen in Massenabfertigung zu Idioten degradiert werden, oder Leute wie D! oder Heidi Klum mit dem unendlichen Herauszögern der Bekanntgabe ihrer Entscheidung unsere Zeit stehlen,  werden die Formate nach wie vor kopiert. In den meisten Fällen bleibt am Ende aber nichts weiter als der peinlich berührte, schale Nachgeschmack von Missbrauch und Schande.

Die Frage, warum diesen Menschen niemand sagt, dass sie besser nicht in die Show gehen sollten, bleibe vorerst mal offen. Viel interessanter ist etwas anderes, und dafür war diese lange Einleitung: Im englischsprachigen Raum ist man sich längst darüber im Klaren, dass die Castingshows ihre Halbwertszeit überschritten haben und sucht nach neuen Modellen. Klar im Trend liegen möglichst ungestellte, spontane Reportagen oder Serien mit Dokumentarfilmcharakter. Die Themen sind vielseitig. Ob nun irgendwelche Industriekapitäne inkognito in der Gosse arbeiten oder Jamie Oliver einer ganzen Stadt eine gesunde Ernährung beibringt – das Prinzip ist immer dasselbe: Dem Zuschauer wird ein unverfälschter Blick auf das “echte Leben” ermöglicht.

Ein ganz besonderes Projekt war folgendes: Channel Four strahlte im letzten Herbst “The Family” aus, eine beobachtende Serie über die sechsköpfige Familie Hughes aus Canterbury, die bereit war, sich während rund 4 Monaten die ganzen 24 Stunden des Tages filmen zu lassen. Werbung machte der Sender mit dem Satz “Ein einzigartiger Einblick in die Keimzelle der britischen Gesellschaft, der alle Aspekte und die Höhen und Tiefen des Familienlebens zeigt”. Gearbeitet wurde mit 21 remote control Kameras, die wie Fliegen an der Wand befestigt sind, und 16 Mikrophonen. Realisiert wurde diese Reality Serie vom preisgekrönten Dokumentarfilmer Jonathan Smith.

Das Ganze wurde zu einer Serie, welche ohne Stilelemente auskommt, keinen Bohlen und keine Heidi Klum enthält sondern das zeigt, was wir jeden Tag erleben. Ungeschminkt und ohne Super-Nanny. Und erstaunlicherweise hatte dieses Konzept Erfolg.

Ich habe mich dann gefragt, ob die “normale” Familie mittlerweile etwas derart aussergewöhnliches ist, dass sie im Fernsehen gezeigt werden muss. Der Grund liegt aber wahrscheinlich tiefer: Das Bedürfnis, zu sehen, dass es anderen beispielsweise bei der Erziehung ähnlich geht, scheint in der Wahrnehmung stark verwurzelt zu sein. Wie auch immer: Wenn Dieter Bohlens Beleidigungen auf deutschen Sendern künftig durch die Unterhaltung einer “normalen” Familie am Mittagstisch ersetzt würde, wäre dies in jeder Hinsicht eine massive Aufwertung des Programms.

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