Du, Papa, los emol
15. Mai 2010 | Von Papa | Kategorie: PapablogEs gibt neuerdings ein Wort, das mir in letzter Zeit verschiedentlich begegnet ist, und mit dem ich mich nicht so recht anfreunden mag: Fremdschämen. Gemeint ist, dass man sich aufgrund seines Verhaltens für ihn – oder vielmehr an seiner Stelle schämt. Wenn Sie dieses Gefühl nicht kennen, schauen Sie einfach mal eine Castingshow wie Supertalent oder was in der Art. Sie werden spätestens beim Auftritt der ersten 50 jährigen LKW-Fahrerin, der ihre Familie in Kenntnis des allmorgendlichen Unter-der-Dusche-Gejaules einen Auftritt als Sängerin nahegelegt hat, ganz genau wissen, worum es geht.
Fremdschämen passiert relativ unvermittelt und ist nicht planbar. Es überkommt einen einfach. Der Grund, warum ich das so ausführlich erkäre ist, dass mir keine Bezeichnung für das Gegenteil von Fremdschämen einfällt. Denn eigentlich geht es mir heute darum.
Sohnemann lernt zu reden. Er hat diesen mehrjährigen Prozess mit Elan in Angriff genommen und ist jetzt genau in der Phase, in welcher er zwar schon vieles sagen kann, aber noch nicht mal einen Bruchteil davon versteht. Seine Artikulation ist häufig eher eine Wiederholung von gehörtem (Wobei der Ursprung logischerweise bei Mama und Papa zu suchen ist), als ein bewusstes Ausdrücken von Gefühlen oder Meinungen. Und weil das so ist, entstehen bisweilen derart absurd-groteske Situationen, dass man vor lauter Überraschung über diese ungewollte Originalität einfach lachen muss.
Angefangen hat es damit, dass Sohnemann vor etwa eineinhalb Monaten ins Büro gestürmt kam, mich mit seinen Blicken regelrecht fixierte und mit ernsten Gesicht sagte: “Du, Papa, los emol…” und dann etwas orientierungslos stehen blieb. Normalerweise hört er diesen Satz von uns unmittelbar vor einer Sturmwarnung mit Sanktionen. Und der Satz an sich ist ja wenig spektakulär. Dieses Wort traf vielmehr auf sein Gesicht zu, als ihm erstens bewusst wurde, dass er gerade dabei war, Papa zusammenzustauchen und zweitens, dass er eigentlich gar nicht mehr zu sagen hatte. Es war schlicht und einfach lustig, denn Ton und Ausdruck waren oskarwürdige Kopien von mir selber.
Wenn Sie mir insgeheim vorwerfen, ich sei ein emotionaler Dödel, haben Sie wahrscheinlich nicht mal so unrecht. Tatsache ist nämlich, dass ausser mir und vielleicht meiner Frau, die allermeisten Menschen dieses Verhalten unseres Kindes nicht einordnen könnten. Der Grund ist ganz einfach: All diese “Du, Papa, los emol…”-Sätze sind Kopien. Und zwar von mir oder meiner Frau. Was da passiert, ist der Lernprozess von Sohnemann aber daneben auch ein Spiegel, der uns vorgehalten wird. Ein Spiegel so unvoreingenomen und gutmütig, dass wir uns vor Lachen die Bäuche halten – und im Nachhinein verstohlen leer schlucken. Und zwar nicht aus Scham oder Verunsicherung, sondern schlicht und einfach deshalb, weil diese so ungewollte, ja unverdorbene Parodie unseres Verhaltens treffender war, als jede Beschreibung – und dadurch auch heilsamer. Ich weiss noch immer keine Bezeichnung dafür, aber für mich kommt es irgendwo schon dem Gegenteil von Fremdschämen gleich.
Übrigens: Im Moment lachen wir vor allem, aber ehrlicherweise graut mir ein wenig davor, wenn Sohnemann dann auch die weniger angenehmen Seiten meines Charakters zu imitieren beginnt. Und dass er dies tun wird, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.