Emotionale Lebensversicherung

18. Mai 2010 | Von Papa | Kategorie: Papablog

Als meine Frau und ich uns mit entschieden, ein Kind zu bekommen, war dies die wohl einschneidendste Endscheidund unseres Lebens. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit – ich meine das wirklich so – dass bei uns nach einer frühen Fehlgeburt – alles reibungslos und quasi auf Kommando klappte.

Während sich dann (nachdem unser Sohn bereits zur Welt gekommen war) befreundete Ehepaare mit normalen Schwangerschaften und leider auch unterschiedlichsten Komplikationen herumschlugen, wuchs Sohnemann bereits heran und stand aufgrund seines sonnigen Gemüts aber auch, weil er eben das erste einer ganzen Welle von Babies war, immer im Mittelpunkt. Und während er grösser wurde, und sich der Kindersegen in unserem Bekanntenkreis multiplizierte, sahen wir viele hübsche und weniger hübsche Babies. Immer wieder sagten wir uns: Wir haben das schönste – und wurden von unseren Bekannten in diesem Glauben auch bestärkt.

Und da sass ich nun neulich am PC und schaute nach langer Zeit wieder mal – Sohnemann ist mittlerweile ein gut zweieinhalb jähriger, strammer junger Mann – die Ferienfotos von vor eineinhalb Jahren an. Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht: (O Schreck) Hmm… so hübsch war er eigentlich gar nicht. Es schien mir im ersten Moment ein frevlerischer Gedanke zu sein – aber ich konnte mich davon nicht lösen. Also schaute ich mir andere Bilder an und kam zum Schluss: Es stimmt! Mit einer gewissen Objektivität betrachtet war er bei weitem nicht so hübsch, wie ich immer gedacht hatte. Das heisst, hübsch schon. Aber ohne, dass ich hätte studieren müssen, fiel mir das eine oder andere Baby ein, das den Vergleich nicht zu scheuen brauchte.

Nun, es ist eine Frage die mich und meine Frau schon lange beschäftigt: Ist es wirklich so, dass Eltern von ihren Kindern derart eingenommen sind, dass sie sie nicht mehr objektiv wahrnehmen können? Und je länger mir diese Frage durch den Kopf geht und je mehr Eltern ich beobachte, desto mehr glaube ich, dass dies tatsächlich auf einen Grossteil der frischgebackenen Eltern zutrifft. Und immer mehr glaube ich auch, dass das so sein muss.

Von dem Moment an, in dem man als Eltern so ein schreiendes Bündel im Arm hat, ist man für mehrere Jahre intensiv gebunden. Jeder Schritt wird bewusst oder unbewusst bestimmt durch ein neues Gefühl der Verantwortung. Selbst wenn man die Kinder mal abgibt, ertappt man sich immer wieder beim Gedanken an sie. Man beginnt seine Gewohnheiten zu ändern und sein Leben umzukrempeln (natürlich erst, nachdem man mit dem festen Vorsatz, möglichst so weiter zu machen, wie zuvor, kläglich gescheitert ist) und bisweilen auch die Einstellungen über den Haufen zu werfen. Das fordert einen heraus, kostet viel Zeit und Nerven. Und das verrückte ist – man tut es trotz verschiedentlichem Zähneknirschen und bisweiligem lautem Protest freiwillig und fühlt sich manchmal sogar richtig gut dabei.

Wenn man also diese für Aussenstehende völlig irrationale Liebe (ist Liebe nicht ohnehin meist irrational) bei Lichte betrachtet, kommt man nicht umhin, festzustellen, wie wertvoll sie ist: Sie ist so etwas wie eine emotionale Lebensversicherung für die Kinder und völlig notwendig. Denn würden nur sympathische, hübsche, gesunde Kinder von ihren Elten geliebt, wäre unsere Welt ein trauriger Ort.

Und so werden meine Frau und ich auch weiterhin dem Glauben fröhnen, wir hätten die beiden schönsten Kinder auf Gottes Erde – und selbstverständlich alle anderen jungen Eltern mit Komplimenten für ihre Kinder überhäufen. Denn schliesslich stimmt das ja. Rein subjektiv betrachtet.

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