Gangwerk

3. Mai 2010 | Von Papa | Kategorie: Papablog

Es ist bestimmt 15 Jahre her, seit ich diesen Artikel las, deshalb mag man mir vergeben, wenn ich ihn nicht originalgetreu wiedergebe. Konkret ging es um folgendes: Irgendwo im zentralafrikanischen Hinterland wurde ein Stamm von Eingeborenen entdeckt, deren Gang einige Fragen aufwarf. Entgegen allen westlichen, östlichen, nördlichen und südlichen Gepflogenheiten gingen diese Menschen nämlich nicht strammen Schrittes mit der Ferse voran und rollten dann ab, sondern sie tasteten mit Zehen und Fussballe erst die Erde ab, bevor sie den Fuss abstellten.

Dieser Artikel kam mir neulich in den Sinn, und auch mein damaliges Unverständnis über diese Gangart. Damals dachte ich in meinem jugendlich arroganten Übermut, da habe sich wohl mal wieder ein Forscher auf der Suche nach einer ethnologisch interessanten Neuerung intellektuell ausgetobt. Dass mir dies ausgerechnet neulich in den Sinn kam, ist indes kein Zufall – doch erst muss ich ein ganz klein wenig ausholen: Wenn ich in meiner Zeit als Vater und als Bekannter vieler Eltern eines gelernt habe, dann dies: Selbst in hervorragend aufgeräumten und sauber geputzten Wohnungen schafft es ein Kleinkind immer wieder, irgendwo (bevorzugterweise dort, wo niemand damit rechnet) irgendwas (von Vorteil etwas, woran niemand denkt) liegen zu lassen.

Da ich als Erwachsener die schauderhafte Angewohnheit habe, über alles, was sich mir in den Weg legt, zu stolpern, Nachts aber nie das Licht anmache, weil ich sonst nicht mehr schlafen kann, gehören nächtliche Kolisionen zum Programm. Dies verschärft sich noch dadurch, dass ich nachts in der Regel barfuss unterwegs bin. Denn, wie bei so vielen  Eltern kommt es auch bei Papas immer mal wieder vor, dass man Nachts aufstehen muss. Ein Kind weint, die Flasche im Bettchen ist leer und auf dem Weg zum Badezimmer kracht man dann völlig unerwartet in den kleinen Spielzeugtraktor aus Stahl.

Ich habe geschrieben “gehören Kolisionen zum Programm” – richtig wäre aber “gehörten”. Denn aus reinem Selbsterhaltungstrieb gewöhnte ich mir völlig unbewusst an, bei diesen nächtlichen Streifzügen nicht mehr wie gewohnt aufzutreten, sondern erst mit dem vorderen Teil des Fusses die Lage zu klären.

Und wie mir dies auffiel und ich mir überlegte, wie dämlich das wohl bei Licht aussehen würde, im vollen Bewusstsein, dass ich das nie herausfinden würde, da ich, sobald das Licht anging, wieder in den gewohnten Gang wechselte, kam mir auch diese Reportage wieder in den Sinn. Tröstliches Fazit: Sollte es dieses eingeborene Volk irgendwo im zentralafrikanischen Hinterland wirklich geben, und sollten diese Menschen sich auch tagsüber so fortbewegen, dann sollten Sie sich dies sagen lassen: Es gibt also im von Euch aus gesehen fernen Norden tatsächlich verwandte Gangwerke. Wenn auch nur Nachts im Spielzeugdschungel.

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