Porentief rein
Veröffentlicht am Sonntag, 4. September 2011, 21:16 | 9 Kommentare
Es ist ein Thema, das immer mal wieder auftaucht und mit einer gewissen Sensibilität behaftet ist: Der Preis für unsere Sauberkeit. Ich verzichte darauf, die gesamten Hintergründe zu erläutern, da die folgende Sachlage mittlerweile hinlänglich bekannt sein dürfte: Die überaus segensreichen Fortschritte im Bereich der Hygiene während der vergangenen 50 Jahre haben zu einer massiven Steigerung von Allergieerkrankungen geführt. Gerade bei Kindern. Auch wurde ebenfalls mehrfach nachgewiesen, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, und regelmässig Zeit im Stall verbringen – einem Umfeld also, das eher zur schmutzigen Sorte gehört – zwar nicht unbedingt weniger krank sind, dafür aber deutlich seltener an Allergien leiden, als Kinder, die in einer Agglomeration aufwachsen. Was genau die Gründe sind, weiss man nicht hundertprozentig, dass die übersteigerten Hygienevorstellungen mit eine Rolle spielen, ist jedoch erwiesen.
Nun, um eines gleich von vornherein klarzustellen: Ich schätze die tägliche Dusche sehr, und die Trauerränder unter den Fingernägeln meiner Kinder treiben mich fast täglich zu Verzweiflung. Sauberkeit ist mir wichtig und mit den folgenden Zeilen will ich unsere Hygiene keinesfalls verteufeln. Nur: Als ich neulich die Werbung für einen automatischen, elektrischen Seifenspender sah, der per Infrarot (also ohne Berühren des Spenders) eine Flüssigseife ausgibt, die 99.9 % aller Bakterien vernichtet, und damit – nota bene in drei Geschmacksrichtungen – für die ganze Familie “Spass beim Händewaschen” bietet, fragte ich mich schon ein wenig, ob das nicht doch zuviel des Guten sei.
Natürlich ist es so, dass auch unsere Kinder regelmässig die Hände waschen. Und natürlich ist es auch so, dass sie dies immer mal wieder mit Seife tun. Doch neulich erwischte ich unsere Mittlere beim Knacken von Haselnüssen. Sie sass im strömenden Regen bewaffnet mit einem Stein mitten in der Einfahrt und zerschlug die Schalen, klaubte die Nüsse heraus, und als sie mich sah, bot sie mir – ganz die gut erzogene Tochter – einen Haselnusskern an. Ich gestehe: Ich war froh, dass es regnete, denn sonst wäre die Nuss noch viel schmutziger gewesen. Ich zeigte ihr, wo sie die Nüsse waschen konnte und ass dann die saubere Nuss auch – das erste aus Pflichtgefühl, das zweite aus Spass. Und auch wenn ich mich über die verschmutzten Regenkleider ärgerte: Insgeheim – ich gebe es offen zu – freute ich mich darüber, dass die Kleine keine Angst vor Dreck hat.
Übrigens: Wussten Sie, dass der zunehmende Einsatz von Desinfektionsmitteln Kläranlagen in ihrer Funktion massiv beeinträchtigen? Und von einem Kollegen habe ich mir neulich sagen lassen, dass auch Fische und andere Tieren in unseren Oberflächengewässern unter diesen Mitteln leiden. Haben wir doch den Mut zu einem etwas gesunderen Verhältnis zu Dreck. Unseren Kindern und der Natur zu liebe.
Kommentare
9 Antworten auf “Porentief rein”
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6. September 2011 @ 09:34
Dieser Seifenspender ist dem Familienoberhaupt und mir auch aufgefallen. Was nützt das ganze hysterische Getue rund um die Hygiene, wenn dann die Kinder zwar nicht den Seifenspender, aber dafür den Wasserhahn anfassen müssen, um sich am Schluss alle auch noch am selben verschmutzten Handtüechli die Hände zu trocknen. Was zu viel ist, ist zu viel. Guter Beitrag!
6. September 2011 @ 09:39
Schöne Welt, wenn wir schon elektrische Seifenspender benötigen .. :-/ .. den berührungsreifen Hahnen gibts ja schon, nun fehlt nur noch der Handtüchli-Roboter für zuhause.
Auf die Schnelle hätte ein Ausblasen der Nüsse wohl auch genügt ..
16. September 2011 @ 20:58
örks, so ein Seifenspender würde bei uns in einer Schaumparty enden
die wären nur noch am Händewaschen 
ich entgegnete dann, dass man dies ja abstreichen könne, da meinte sie, nein denn dann würde man die Bakterien nur verstreichen 
Ich kann den Beitrag nur unterstützen! Katastrophal, was da zum Teil in Sachen Hygiene abgeht! Meine Stieftochter (war damals 8 Jahre alt) liess dummerweise ihren Apfel auf den Boden fallen. Er hatte vielleicht ein paar kleine schwarze Steinchen vom Teer drin, alles abputzbar… nein Madame schmiss den praktisch noch ganzen Apfel in den Kübel. Als ich schockiert zu ihr hin sah, meinte sie, dass ihre Mam ihr verboten hätte, sowas noch zu essen
Tja, die böse Stiefmutter hatte nix zu sagen, ich war schlicht erschlagen von diesem Hygienefimmel
16. September 2011 @ 21:00
sorry war etwas lang, muss aber doch noch loswerden:
das liebe Kind ist dauernd krank und verbringt den meisten Teil des Winters mit X Medikamenten gegen jegliche Bo’bos…
kein Wunder denkt sich jeweils Frau Rauf und Runter
21. September 2011 @ 21:13
Gut zu wissen in dem Zusammenhang: Waldboden gilt meistens als sauberer als der Küchenboden – die richtig fiesen Keime wachsen lieber drinnen als draussen. Also: Raus mit den Kindern!
29. September 2011 @ 14:59
Der Seifenspender ist wirklich ein Hammer. Gibts nicht nur im Supermarkt – nein sogar in der Apotheke *gg* na wenn es die Leute unbedingt nötig haben…
27. Oktober 2011 @ 17:54
Das ist genau das Thema, das ich in Kürze in meinem Oma-Blog aufnehmen möchte. Ich, als Mutter, die ihre Kinder groß bekommen hat – ohne all das bakterienfreie Waschen,Spülen und Putzen schüttel da immer den Kopf und frage mich was ich falsch gemcht habe, damals.
Bei uns hieß das “Dreck macht Speck” und niemandem hat das geschadet.
Sehr guter Artikel.
Herzlich
die bloggende Oma
8. Februar 2012 @ 00:37
Der Seifenspender klingt wild. Was bei uns gut ankommt sind farbige Piratenseifen, die auch in der Wanne so aussehen, also ob sie so richtig Sauerei veranstalten. Da ist dann schon mal das Geschrei gross, wenn man die Seife vom blauen Mann wieder abmachen muss.
Ansonsten kann ich mich nur anschliessen: nicht übertreiben. Auch ein Keks der runterfällt schmeckt meistens noch.
6. Mai 2012 @ 12:11
Das wirklich genial mit den Seifenspender… na wer das braucht